Im April 2009 initiierte der norwegische Verband der Medienunternehmen MBL (Mediebedriftenes Landsforening)* ein E-Reading-Projekt, das in diesem Jahr in einen groß angelegten Praxistest münden wird.
MBL investiert 250.000 € in das Projekt und alle beteiligten Zeitungs- und Zeitschriftenverlage beteiligen sich finanziell daran. MBL hat versucht, möglichst viele potenzielle Partner in die Diskussion einzubeziehen: Buchverlage, die norwegischen Anbieter auf dem E-Reader-Markt, die Telekom-Unternehmen etc.
Seit Ende 2009 kümmert sich ein eigenes Team unter der Leitung von Mikal Rohde (ehemals Schibsted, nun Geschäftsführender Partner bei Consello AS) um das Projekt und widmet sich dabei den technischen Fragen ebenso wie dem Geschäftsmodell, Datenbeständen, Verträgen und der Rolle von MBL auf längere Sicht.
WAN-IFRA: Es ist dem Verband MBL gelungen, alle norwegischen Zeitungsunternehmen für ein gemeinsames E-Reading-Projekt unter seiner Regie zusammenzubringen. Wie ist der Stand des Projekts fast ein Jahr nach dem Start?
Mikal Rohde: Wir suchen derzeit nach einem Partner, der uns eine technische Plattform liefern kann. Wir müssen erst noch die beste Lösung finden, die die Konvertierung unseres Printformats in ein E-Reading-Format sicherstellt. Wünschenswert für uns wäre auch ein gemeinsames System für die Speicherung sämtlicher Publikationen, die an diesem Projekt beteiligt sind. Die Idee ist, in wenigen Monaten eine offene Struktur zu schaffen, die es allen, die dies wünschen, ermöglicht, ihre Produkte über dieses E-Reading-Portal zu verkaufen. Wir wissen bereits, dass einige Zeitungsunternehmen vermutlich auch daran interessiert sind, sich am Vertriebspart des Projekts zu beteiligen. Bisher sind alle damit einverstanden, dass sie nicht nur ihre eigenen Titel, sondern auch die der Konkurrenz verkaufen werden.
WAN-IFRA: Ein wichtiger Aspekt des Projekts ist ein Verbrauchertest. Wie ist hier der Stand der Dinge?
M. Rohde: In den nächsten vier bis fünf Monaten werden wir mit der Unterstützung eines Medienprofessors der Universität Stavanger, der sich mit dem Thema E-Reading beschäftigt, einen Verbrauchertest durchführen. Dieser Test wird sich auf verschiedene E-Reader und unseren Online-Store (für Bücher, Zeitungen und Zeitschriften) erstrecken. In dieser Phase werden wir beispielsweise Marketingfragen und die Zahlungsbereitschaft der Verbraucher untersuchen. In diesem frühen Stadium nutzen wir die vorhandenen Tools und das ePub-Format. Wir wissen um die Einschränkungen von ePub hinsichtlich Navigation, Design etc., doch es ist wichtig, nicht länger zu warten und in Zusammenarbeit mit Endnutzern zu ermitteln, was diese wirklich brauchen, was sie wollen, wo die Einschränkungen liegen etc. Ein Gerät wie das iPad bringt zusätzliche Funktionen mit sich, und wir werden auch untersuchen, wie die Nutzer mit diesem neuen Tool umgehen.
WAN-IFRA: Wie haben Sie die E-Reading-Geräte ausgewählt, die für diesen Test in Frage kamen?
M. Rohde: Wir wollten Geräte, die nicht an einen der bestehenden „digitalen Stores“ gebunden sind, wie bei Kindle und Amazon. Wichtig ist auch, möglichst viele 3G-fähige Reader dabei zu haben. Ein zentraler Aspekt besteht darin, dass man Content direkt auf das E-Reading-Gerät übermitteln kann, ohne es eigens an den eigenen PC anschließen zu müssen, um die digitale Version herunterzuladen. Zwar interessieren wir uns natürlich für High-End-Geräte mit größerem Display, doch wir sind überzeugt, dass manche Leute Bücher und Zeitungen auch auf kleineren und billigeren Geräten lesen werden. Hier gilt das Gleiche wie in der Handy-Branche: man hat verschiedene Preise, Funktionalitäten, technische Finessen etc.
WAN-IFRA: Führen Sie auch Gespräche mit den Vertretern der Skiff-Initiative in den USA?
M. Rohde: Es gab auch Gespräche mit den Leuten von Skiff. Sie möchten selbst Lösungen für die komplette Wertschöpfungskette anbieten. Doch zumindest für den Anfang sagt uns diese Art von Struktur nicht zu, da wir dabei geringere Einnahmen erzielen. Wir müssten für alle Schritte bezahlen: Fakturierung, Verbreitung, Speicherung etc.
Doch wir wollen uns nicht an Modell à la Apple Store oder Amazon Kindle binden. Allerdings ist Amazon und deren Kindle-App für iPhone für uns ein sehr interessanter Ansatz. Die Kindle-App ist für die Nutzer kostenlos. Wenn die Kunden dann über die Kindle-App ein Produkt kaufen, nutzen sie dabei das Amazon-Bezahlungssystem und müssen nicht mehr so viel an Apple abführen.
In Norwegen möchten wir Inhalte von verschiedenen Publishing-Systemen konvertieren, zentral speichern und deren Verbreitung kontrollieren. Wenn dann Amazon oder ein anderes Unternehmen unsere Inhalte verbreiten möchte, sind wir in einer besseren Position, wenn es darum geht, über die geschäftlichen Bedingungen für die Nutzung unseres Content zu verhandeln.
WAN-IFRA: Beziehen Sie auch das iPad in Ihre Überlegungen mit ein?
M. Rohde: Wenn wir unser sämtlichen Inhalte in ein einheitliches XML-Format konvertieren, sollte es möglich sein, sie auf E-Reader-Geräten und dem iPhone zu lesen. Dies dürfte auch ein Ausgangspunkt dafür sein, sehr rasch und zu geringen Kosten iPad-Apps für die Zeitungen zu entwickeln.
WAN-IFRA: Das iPad ist ein Multimedia-Gerät. Meinen Sie nicht, dass hierfür ein anderer Ansatz erforderlich ist als bei der Aufbereitung von Inhalten für E-Reader?
M. Rohde: Da stimme ich Ihnen zu, doch einer der entscheidenden Punkte beim E-Reading ist, dass man es sich nicht leisten kann, nur auf eine bestimmte Content-Kombination oder einen einzigen Verbreitungskanal zu setzen. Wir müssen in der Lage sein, unsere Inhalte über alle Arten von Geräten zu verbreiten, und es werden noch eine ganze Reihe von neuen Readern auf den Markt kommen, die mit anderen Formaten arbeiten. Neben den Apple-Produkten wird es auch viele E-Reader geben, die mit Android arbeiten.
WAN-IFRA: Wenn man die Möglichkeit hat, mit dem iPad kostenlos auf einer Zeitungswebsite zu surfen, wird es schwierig werden, mit einer App für die entsprechende Zeitung Geld zu verdienen, außer wenn man etwas Besonderes zu bieten hat.
M. Rohde: Wir Zeitungen waren bisher nicht sehr gut darin, „maßgeschneiderte“ oder personalisierte Produkte anzubieten – und bei E-Reading-Geräten geht es, ähnlich wie bei Handys, um den einzelnen Nutzer. Doch nun können wir über eine App oder mittels E-Readern kundengerechtere Zeitungen erstellen. Wenn wir verschiedene Inhalte über unsere Plattform zusammenführen können, werden wir den Nutzern die Möglichkeit bieten können, „Special-Interest“-Zusammenstellungen zu wählen und festzulegen, was, wann und wie sie lesen möchten. Ich bin überzeugt, dass die Nutzer bereit sein werden, für diese Dienste zu bezahlen.
*Der Verband der norwegischen Medienunternehmen ist ein Fachverband der Medienbranche mit 311 Mitgliedsunternehmen, darunter 172 Zeitungen, 21 Druckereien, 26 Vertriebsunternehmen, 24 TV-Sendern, 13 Werbekonzernen, 15 Mediengruppen, 11 Zeitschriften, 9 Multimedia-Unternehmen, 3 Presseagenturen, 2 Radiostationen und einem Werbeunternehmen. 14 Unternehmen zählen zur Kategorie „Sonstige“.
