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Die Zeitungsfabrik

Fri, 2010-12-03 11:36 — Charlotte Janis...

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11572

BDZV/IFRA-WAN Konferenz

Verlag und Technik müssen aufeinander zugehen

Eine gemeinsame Konferenz von BDZV und WAN-IFRA - mit „Die Zeitungsfabrik“ überschrieben - brachte Entscheider aus dem Verlag und Technikverantwortliche zusammen, um sich gemeinsam über Zukunftstechnologie, Organisationsformen und Prozessoptimierung für den Zeitungsverlag von morgen auszutauschen. Nachfolgend lesen Sie Zusammenfassungen der Vorträge.

 

Gerade an der Schnittstelle zwischen Top-Management und Technik können zukunftsträchtige und nachhaltige Ideen initiiert werden, die zu Quantensprüngen bei der Kostenstruktur und zur Entwicklung neuer Geschäftsfelder führen.


Großen Zuspruch fand die Konferenz von BDZV und WAN-IFRA, die bei der Verlagsgesellschaft Rhein Main in Mainz stattfand.

Das traditionelle Zeitungshaus, das alles unter einem Dach vereint, gehört bald der Vergangenheit an. Heute stehen Aktivitätsbereiche, Geschäftsmodelle und sogar die Definition der Kernkompetenzen auf dem Prüfstand. Outsourcing und Kooperationsmöglichkeiten werden evaluiert, Strukturen überdacht. Die Veranstaltung, die bei der Verlagsgruppe Rhein Main stattfand, wurde von Werner Lauff, Medienberater und Publizist aus Düsseldorf, kompetent und souverän moderiert.

Jochen Dieckow (Vertreter von BDZV-Seite, rechts) und Manfred Werfel ( WAN-IFRA) führen in das Thema ein.

„Die Technologie ist heute so wichtig geworden, dass sie nicht mehr nur ein Druckerei-Thema ist, sondern auch Verlagsleiter beschäftigt“, sagte Jochen Dieckow, der sich auf BDZV-Seite um die Ausrichtung der Veranstaltung kümmerte. Die Intension der Veranstaltung sei es, so Manfred Werfel, Deputy CEO von WAN-IFRA, die beiden zentralen Fragestellungen der Branche zusammenzubringen: Welche neuen Geschäftsfelder und -modelle gibt es? und Welche technischen Lösungen stehen dafür zur Verfügung? Sie werden die zukünftige Ausrichtung der Zeitung beeinflussen.

Begrüßung
Dr. Detlef Hartmann, Geschäftsleitung, Verlagsgruppe Rhein Main, Mainz
Dr. Detlef Hartmann begrüßte die Teilnehmer im Namen der Gastgeberin, der Verlagsgruppe Rhein Main (VRM), die Räumlichkeiten in ihrem Verlagsgebäude in Mainz für diese Veranstaltung zur Verfügung gestellt hatte. Die VRM zählt zu den führenden Informationsanbietern im Rhein-Main-Gebiet; ihre Tageszeitungen (Allgemeine Zeitung Mainz, Wiesbadener Kurier u.a.) erscheinen in acht Kopfausgaben und 28 Unterausgaben mit einer Gesamtauflage von 242.000 Exemplaren. Im Druckbereich kooperiert die VRM in Form eines Joint Ventures mit dem Medienhaus Südhessen.
 

Dr. Hartmann, Mitglieder der Geschäftsleitung der Verlagsgesellschaft Rhein Main, begrüßt die Teilnehmer in Mainz.

Die Zeitungen sehen sich großen Herausforderungen gegenüber. In seinen einleitenden Worten wies Dr. Hartmann u.a. auf die Gegensätzlichkeit der Zielsetzungen hin, die heute an die Zeitungsproduktion gestellt werden: Die Standardisierung der Prozesse auf der einen und journalistische Variabilität auf der anderen Seite.

Bei der VRM wurde in diesem Jahr ein crossmediales Redaktionssystem für alle Verlagsprodukte und Publikationskanäle eingeführt, zu dessen wesentlichen Merkmalen die zentrale Content-Verwaltung, die Steuerung der Publikationen auf der Basis von Metadaten, die transparente Termin- und Ressourcenplanung sowie mobile bzw. variable Arbeitsplätze zählen.
 

Integriertes Redaktionsmanagement für crossmediales Publizieren
Reinhard Küchler, Leiter Technische Koordination Verlagsgruppe Rhein Main, Mainz


Reinhard Küchler, der wesentlichen Anteil an der Realisierung des genannten Redaktionsprojekts hatte, erläuterte das neue System Millenium von Protecmedia mit seinen 400 Redaktionsarbeitsplätzen, das inzwischen seit vier Monaten bei der VRM im Einsatz ist. So hat ein Newsdesk die zentrale Produktion der Mantel- und Lokalteile (außer Sport) für die beiden Tageszeitungen übernommen und damit die dezentrale Seitenproduktion abgelöst.

 

Reinhard Küchler, Leiter Technische Koordination bei der Veröagsgriüüe Rhein Main.

Jeder Redakteur hat Zugang zu allen Inhalten, die in einer gemeinsamen Datenbank verwaltet werden. Artikel und ganze Seiten werden ausgetauscht und gleiche Inhalte in den verschiedenen Publikationen dem Markenbild entsprechend optisch angepasst. Was die Platzierung der Artikel betrifft, wird den Interessen der jeweiligen Leser Rechnung getragen. Interessant ist auch, dass die gesamte Redaktion bis auf wenige Ausnahmen auf so genannte „Thin Clients“ umgestellt wurde.

Im Online-Bereich verfügt die VRM über sieben Markenauftritte (zusammen mit ihrer Redaktion in Gießen, die bisher nicht in das neue Redaktionskonzept eingebunden ist). Künftig soll der Online-Desk wieder in die Gesamt-Redaktion integriert werden. Auf eine Teilnehmerfrage hin erklärte Küchler, dass 70 bis 80 % der Zeitungsinhalte online veröffentlicht würden, und zwar kostenlos. In Bezug auf die Content-Veröffentlichung über mobile Endgeräte sei man noch in Vorbereitung.
 

Revolution oder Evolution – Neue Organisationstrukturen im Verlag
Jørn Christian Skoglund, Chefredakteur, iTromsø, Norwegen

Die Norweger waren immer bekannt als eifrige Zeitungsleser, doch auch Norwegen blieb von der Wirtschaftskrise nicht verschont und die Auflagen sinken, obwohl die Bevölkerung wächst. Würde die Entwicklung in diesem Tempo voranschreiten, so Skoglund, wäre bei seiner Zeitung der Nullpunkt in 18 Jahren erreicht.

Jorn Christian Skoglund

Die Druckindustrie Norwegens war in den letzten Jahren von Restrukturierung geprägt: Viele kleinere Unternehmen haben sich zu wenigen großen zusammengeschlossen. Der Kostendruck hat stark zugenommen, sodass Kooperationen im Vertrieb auch zwischen Konkurrenten als Mittel zur Kostenreduzierung nicht gescheut wurden.

iTromsø ist eine Lokalzeitung im Norden Norwegens, die Nummer 2 in ihrer Region (hinter Nordlys). Nach mehreren wirtschaftlich kritischen Jahren, in denen das Unternehmen rote Zahlen schrieb (trotz staatlicher Zuschüsse in Höhe von 8,6 Mio. Norwegischen Kronen pro Jahr), brach das Geschäft 2008 schließlich massiv ein: das Defizit betrug 9 Millionen Norwegische Kronen.

Die Zeit für ein radikales Umdenken war gekommen. Die Zeitung schloss sich mit Kollegenbetrieben (der gleichen Gruppe) zusammen, um Verwaltungsaufgaben, Anzeigenproduktion usw. auszugliedern oder in einzelnen Zeitungen der Gruppe zu zentralisieren. 2010 wurde schließlich auch die Zeitungsproduktion zu einem großen Produktionszentrum zusammengefasst. Jetzt werden weniger Druckeinheiten eingesetzt, die dafür effizienter sind und kostengünstiger produzieren. Mehr als die Hälfte des Personals musste gehen; von über 60 Mitarbeitern sind 28 übrig geblieben. Heute besteht die Belegschaft nur noch aus Geschäftsleitung, Verkäufern und Reportern. Viele Verträge sind befristet oder projektgebunden.

Nach zwei schwierigen Jahren der Reorganisation mit schmerzlichen Einschnitten sieht sich iTromsø wieder auf gutem Weg, zu einem effizienten und innovativen Zeitungsunternehmen zu werden, einem Unternehmen, auf das andere Medienunternehmen in Norwegen blicken und von dem sie lernen wollen, wie man restrukturiert und effizienter wird.
Die Ergebnisse können sich sehen lassen:

  • Die Druckproduktion hat sich qualitativ und kostenmäßig verbessert
  • Anzeigen- und Seitenproduktion sind erheblich günstiger als vor Jahren, als die Produktion noch im eigenen Haus erfolgte
  • Die Herstellkosten für eine Zeitungsseite beträgt heute ein Viertel gegenüber früher: 100 statt 400 NOK
  • Die Buchhaltung hat sich drastisch verbessert
  • Von einem 9-Mio-Defizit vor zwei Jahren steuert iTromsø auf ein Plus von über einer Mio. in diesem Jahr zu – das Langzeitziel sind 6-8 Mio. NOK

Für die Zukunft will iTromsø von den Restrukturierungsmaßnahmen der letzten beiden Jahre profitieren und sich nicht nur der digitalen Revolution stellen, sondern hier gleich eine Führungsposition einnehmen: Bereits im Dezember 2010 soll eine iPad-Version der Zeitung vorliegen.

Zwei Verlage – eine Zukunft“ - Effizienzsteigerung durch Zusammenarbeit mit System
Peter Demmer, Leiter Technik, „Lübecker Nachrichten“, Lübeck

Die Verlagsgruppe Lübecker Nachrichten ist eine Kooperation der Zeitungen Lübecker Nachrichten und Ostsee Zeitung in Rostock, die seit 2007 von einer zentralen Geschäftsleitung geführt werden. Die Partner profitieren von Synergien auf fast allen Gebieten: Technik, IT, Vertrieb, Controlling, Personalwesen, einschließlich einer Mantelredaktion. (Lokalredaktionen und Anzeigengeschäft sind weiterhin getrennt.) Die Voraussetzung dafür wurde 2008 mit der Einrichtung einer gemeinsamen IT-Plattform geschaffen. Da sämtliche Systeme betroffen waren, war die Umsetzung mit gravierenden Veränderungen in beiden Häusern verbunden und verlangte der Geschäftsleitung viel Management-Geschick und den Mitarbeiter viel Flexibilität und Motivation ab.

Peter Demmer

Das Ergebnis nach zwei Jahren sind schlanke Strukturen ohne Medienbrüche von der Blattplanung bis zum Vertrieb, gesenkte IT- und Personal-Kosten, weniger Makulatur und Energieverbrauch und weniger Stillstandszeiten. Die erhöhte Flexibilität erlaubt die Weiter- und Neuentwicklung von Verlagsprodukten. Zwischen 2000 und 2007 wurden 20% der Mitarbeiter abgebaut, weitere 20% sollen folgen.

Peter Demmer sieht in dem bisher Erreichten nur ein Etappenziel, denn Stillstand dürfe es nicht geben. Angestrebt werde ein kontinuierlicher Verbesserungsprozess!

Allianzen, Kooperationen, Synergien – Optionen für die Zeitungsbranche
Alexander Kahlmann, Partner, Schickler Unternehmensberatung, Hamburg

Mit einer vom BDZV in Auftrag gegebenen Studie beleuchtete die Schickler Unternehmensberatung, wie es um Allianzen, Kooperationen und Synergien in der Zeitungsbranche bestellt ist. Die Zielsetzungen waren:

  1. Transparenz über vorhandene Kooperation schaffen,
  2. Einblick in die tatsächlichen Effekte gewähren,
  3. Erwartungen zur weiteren Entwicklung erforschen und schließlich
  4. Risiken und Erfolgsfaktoren ermitteln.

Alexander Kahlmann

In Expertengesprächen und über anonyme Fragebogen wurden die Daten von über 150 Kooperationen (mit Fokus auf Deutschland) erhoben.

Die Studie ergab, dass in vielen verschiedenen Bereichen kooperiert wird, von der Werbevermarktung (mit 75% größter Anteil) über die Logistik (50%), Redaktion (45%) und Druck (30%) bis hin zu beispielsweise der EDV (knapp über 10%). Dabei können die Formen der Kooperation sehr unterschiedlich sein: einseitige Dienstleistung, beidseitige Dienstleistung, gemeinsame Gesellschaft oder gemeinsame Beauftragung Dritter. Welche Kooperationsform gewählt wird, hängt von der jeweiligen Aktivität ab. Bei Druckaktivitäten sind es in 50% der Fälle einseitige Dienstleistungen, in 42% wird eine gemeinsame Gesellschaft gegründet und in 8% wird gemeinsam ein Dritter beauftragt. Im Logistik-Sektor überwiegen hingegen die beidseitigen Dienstleistungen (50%), gefolgt von der gemeinsamen Gesellschaft (23%), der einseitigen Dienstleistung (18%) und gemeinsamen Beauftragung Dritter (9%).

Interessant ist die Betrachtung des Kosteneffekts der untersuchten Kooperationen in Relation zu ihrer Umsetzungsdauer: In der Logistik werden nach 12 Monaten ca. 35% der Kosten eingespart, in Druck und Vorstufe sind es nach 15 bis 20 Monaten ungefähr 40% und bei der EDV sind es nach fast 3 Jahren gerade einmal 15%.

Die Kernziele einer Kooperation sind Kosteneinsparungen und Qualitätssteigerung, wobei der mögliche Kosteneffekt, der stärkste Treiber für Kooperationen ist. So genannte „weiche“ Faktoren (allen voran das Vertrauen in den Partner) entscheiden über Erfolg oder Misserfolg. Die Studie, die noch in diesem Jahr veröffentlicht werden soll, zeigt deutliche Signale einer weiter zunehmenden Kooperationsaktivität zwischen Zeitungen.

Kooperationen – eine wirtschaftliche Notwendigkeit
Ken Harding, FTI Consulting, Denver, USA

Zeitungen in den USA haben neben konjunkturellen besonders auch mit strukturellen Problemen zu kämpfen und kommen um Reorganisationen nicht herum. Kooperationen werden zur wirtschaftlichen Notwendigkeit.

Ken Harding

Ken Harding führte eine Reihe von Beispielen an, wo Zeitungsgruppen auf unterschiedlichsten Gebieten kooperieren, um ihre Kosten zu senken. So ging Gannett zu einer zentralen CCI Content-Datenbank über und wird fünf regionale Redaktionen schließen. Typischerweise lassen sich mit solchen Maßnahmen zwischen 18 und 30% der aktuellen Kosten einsparen. Auch die Kooperation mit Konkurrenzzeitungen ist kein Tabu. Tribune bietet jetzt sogar Content-Sharing für andere Zeitungen an, die Artikel-Module elektronisch anfordern können.
Ein neues Feld für Kooperationen ist die Entwicklung von Apps für Mobilgeräte. AP entwickelt, in Zusammenarbeit mit verschiedenen Zeitungen, eine so genannte „White Label“ App, die von anderen Zeitungen unter ihrem eigenen Namen für lokalen Content und Werbung eingesetzt werden kann. Auch die New York Times entwickelt (mit dem finnischen Entwickler Conmiois) Apps für iPad und iPhone für die Dallas Morning News und andere Zeitungen.

In der Anzeigenproduktion sind Zentralisierung bzw. Outsourcing ein Thema, um Kosten einzusparen. Gannett und Tribune ziehen in Betracht, Dienstleister für andere Zeitungen zu werden. Auch in der Druckproduktion und der Zustellung gibt es einen Trend zur Auslagerung. Untersuchungen haben ergeben, das 15% der Zeitungen ihre Hauszustellung outsourcen und 40% Fremdprodukte ausliefern. Bei den Zeitungen mit Auflagen um die 100.000 Exemplare liefern neun von zehn Zeitungen nicht nur ihre eigenen Publikationen aus (NAA, 2009).
Die Zentralisierung ihrer Druckproduktion von zwei Druckereien mit elf Rotationen auf eine Druckerei mit sechs Rotationen forderte ein radikales Umdenken bei der LA Times. Aufgrund der limitierten Druckkapazität wurde ein neues Konzept mit einem frühen und einem späten Zeitungsteil eingeführt; der späte Teil, der nur vier Seiten mit den aktuellsten Meldungen umfasst wird dann mit dem Hauptteil in einer Ausgabe zusammengeführt.

Von den Mediapartnern Detroit News und Detroit Free Press wird berichtet, dass sie trotz ihrer auf drei Tage (Donnerstag, Freitag, Sonntag) einschränkten Hauszustellung im Anzeigengeschäft nur zwischen 10 und 20% der Einnahmen eingebüßt haben, dafür aber erhebliche Kosteneinsparungen verzeichnen.
 

Standardisierung der industriellen Druckproduktion
Stephan Bühler, dierotationsdrucker.de, Esslingen

„Die Rotationsdrucker“ (eine Marke von Bechtle Verlag&Druck in Esslingen.) bezeichnet sich als Online-Druckerei für Rollenoffsetprodukte mit einer Mindestauflage von 5000 Exemplaren. Das Produktespektrum umfasst „standardisierte“ Produkte wie Zeitungen, Zeitschriften, Kataloge, Prospekte usw., die im Coldset beziehungsweise im Heatset gedruckt werden und für die nur bestimmte Formate, Seitensprünge und eine beschränkte Auswahl an Druckpapieren zur Verfügung stehen. „Wir haben nicht vor, zu einem Gemischwarenladen für Druckprodukte zu werden“, sagte Stephan Bühler. Eine Lieferzeit von 10 Tagen gibt dem Betrieb die Möglichkeit zur Auftragsbündelung, was sich effizienzsteigernd auswirkt.

Stephan Bühler

Die Geschäftsidee basiert im wesentlichen auf einer effektiven, automatisierten Auftragsabwicklung, die sich eines Online-Shops bedient. Immer mehr Menschen bewegen sich ganz selbstverständlich im Internet, was diesen Ansatz begünstigt. Man geht davon aus, dass sich die potenziellen Kunden selbst über die Produktionsmöglichkeiten des Dienstleisters informieren, anstatt einen der Mitarbeiter zu bemühen. Ziel ist eine noch weitergehende Verlagerung der Leistungen auf den Kunden, sodass für den Anbieter im Wesentlichen nur noch die Produktion und Auslieferung bleibt. Doch noch ist es nicht soweit: Produkte und Dienstleistungen sind erklärungsbedürftig und Fachpersonal ist für Anfragen unentbehrlich, auch wenn die Kunden in der Regel gut vorinformiert sind. Die Erfahrung hat gezeigt, dass die beiden Wege der Auftragsbeschaffung - der traditionelle Außendienst und der Internet-Shop - sich gut ergänzen.

Der Druck-Web-Shop ist eine Eigenentwicklung der Firma. Zur Vermarktung des Angebots setzt man in erster Linie auf Google, da Kundenbefragungen ergeben haben, dass der erste Kontakt häufig aufgrund einer Google-Recherche zustande kam. Daher arbeitet man mit Suchmaschinenoptimierung, um in den Google-Trefferlisten ganz oben zu stehen. Auch AdWords kommt zum Einsatz.

Mit vereinten Kräften in die Zukunft – das gemeinsame Druckzentrum der Verlagsgruppe Rhein Main und des Medienhauses Südhessen
Dr. Detlef Hartmann, Geschäftsleitung Verlagsgruppe Rhein Main, Mainz
Ulrike Köhler, Geschäftsführerin, Druckzentrum Rhein Main, Rüsselsheim
Michael Rettig, Geschäftsführer, Druckzentrum Rhein Main, Rüsselsheim

Am Abend des ersten Veranstaltungstages hatten die Konferenzteilnehmer Gelegenheit, das neue, hochmoderne Druckzentrum Rhein Main in Rüsselsheim zu besuchen. Dr. Hartmann von der Verlagsgruppe Rhein Main sowie die beiden Geschäftsführer berichteten über das Projekt, das Gebäude und die Technik.

Dr. Hartmann erläuterte, mit welchen Herausforderungen das junge Unternehmen konfrontiert war, um eine Druckerei „auf der grünen Wiese“ auf die Beine zu stellen. Im Industriegebiet Blauer See gibt es zwar keinen See, jedoch jede Menge Grundwasser, das zunächst abgepumpt werden musste und die Bauarbeiten verzögerte. Dazu kam ein harter Winter. Bald waren die eingeplanten Zeitpuffer aufgebraucht. Ein schwieriges Kapitel war auch die Schließung der beiden früheren Druckereien in Darmstadt und Mainz-Mombach, die mit Verhandlungen mit Betriebsräten, der Ausarbeitung neuer Arbeitsverträge usw. verbunden war. Durch die Neugründung (anstelle eines Betriebsübergangs) war es möglich, sich von der Tarifbindung zu lösen.

Ulrike Köhler und Michael Rettig

Auch technische Anlaufschwierigkeiten blieben nicht aus, was angesichts der Tatsache, dass mit komplett neuer Technik, neuen Strukturen und Abläufen sowie teilweise neuen Mitarbeitern gearbeitet wird, auch nicht verwunderlich ist. In der Übergangsphase werden auch Leiharbeiter einer eigens gegründeten Gesellschaft (DVD, ein Tochterunternehmen von TMI) eingesetzt.

In einer Bauzeit von 18 Monaten entstand ein imposantes Gebäude aus Stahl, Glas und Beton, das – von außen betrachtet – nicht dem Bild einer typischen Zeitungsdruckerei entspricht. Das liegt auch daran, dass man bewusst ein Architekturbüro gewählt hatte (BM + P, Düsseldorf), das ganz neue Ideen der Umsetzung einbrachte, beispielsweise was die Tageslicht-Nutzung (durch drei Dacheinschnitte) und die Wärmerückgewinnung angeht.

Im Bereich der Technik trifft man in Rüsselsheim diverse Besonderheiten an: eine dreifachbreite Wifag evolution-Rotationslinie (leider ohne den ursprünglich im Bestellumfang enthaltenen automatischen Plattenwechsel); eine CTP-Anlage von DotLine und ein Versandraum von Schur (u.a. mit A1455 Hochleistungseinsteckmaschinen), wie man ihn woanders noch nirgendwo zu sehen bekommt. Zudem wird die gesamte Produktion von einem ABB-Steuerungssystem kontrolliert, das ebenfalls noch in keiner Zeitungsdruckerei in dieser Integrationstiefe vorzufinden ist.

Von anderen lernen – Lean Production in der Autoindustrie
Uwe Fechtner, Executive Director, Opel/Vauxhall Europe Rüsselsheim

Einen „Blick über den Tellerrand“ gewährte Uwe Fechtner mit seinem Vortrag über Lean Production (LP) in der Autoindustrie. Die Prinzipien der schlanken Produktion sind auf jede andere Industrie übertragbar, denn überall sind Technik, Menschen und Prozesse im Spiel.

Uwe Fechtner

Bei Lean Production geht es nicht ausschließlich um die Produktivität, sondern auch um Arbeitssicherheit, Qualität und Kosten. Standards und standardisiertes Arbeiten sind wichtig, um zu einem kontinuierlichen Verbesserungsprozess zu gelangen und dies erfordert immer neue Anstrengungen: Stillstand ist Rückschritt. Das Erfolgsrezept von LP liegt darin, alle Mitarbeiter einzubinden und eine entsprechende Unternehmenskultur entstehen zu lassen.

Die Verlagssicht – warum Standards sich auszahlen
Joachim Tillessen, Leiter Coop Presse, Basel, Schweiz

Von einer idealen Zusammenarbeit zwischen Verlag und Druckerei und der Bedeutung von Qualitätsstandards handelte der Vortrag von Joachim Tillessen. Die Schweizer Supermarktkette coop, deren Läden rund eine Million Kunden pro Tag verzeichnen, gibt über einen eigenen Verlag (Coop Presse) eine Zeitung in drei Sprachausgaben (Deutsch, Französisch und Italienisch) heraus, die 60% aller Haushalte erreicht und 50mal pro Jahr erscheint. Die Gesamtauflage von 3,3 Mio. Exemplaren wird an sieben Druckstandorten produziert, wobei das Basler Druckzentrum als „Leading Printer“ fungiert.

Joachim Tillessen

Leading Printer zu sein bedeutet, dass die Basler die Qualitätsstandards vorgeben, Qualitätskontrollen bei Materialien und Druckmustern vornehmen und sowohl coop als auch sämtliche anderen Druckereien mit Auswertungsreports versorgen. Der Aufwand ist beträchtlich, aber das Ergebnis rechtfertigt diesen: Die Qualitätsvergleiche der Druckereien miteinander spornen diese zu hohen Leistungen an und Anzeigenreklamationen konnten praktisch eliminiert werden - und das bedeutet: keine Erlösminderung!

Auch die Papierlieferanten haben sich bei den Materialtests gerne beteiligt, weil sie so in den Genuss sämtlicher Auswertungen kamen und sich mit Wettbewerbern vergleichen konnten.

Marius Fink

Marius Fink, Qualitätsverantwortlicher bei der Basler Zeitung, der im Auditorium saß, gab gerne Auskunft über die in Basel durchgeführten Tests. Die von den Zeitungen eingesandten Musterexemplare werden anhand eines Messelements und des Coop-Logos verbessen. Die Basler Zeitung dient als Referenzblatt. Zur Problematik der unterschiedlichen Ergebnisse mit Messgeräten verschiedener Hersteller sagte Fink, diese könnten durch Umrechnung ausgeglichen werden.
Star-Club-Nominierung des Basler Druckzentrums

Star-Club-Nominierung des Basler Druckzentrums

Marius Fink nahm stellvertretend für das Basler Druckzentrum Pokal und Urkunde zur Aufnahme in den von WAN-IFRA in diesem Jahr ins Leben gerufenen Star-Club entgegen. Der Star-Club zeichnet Druckereien aus, die mindestens 5mal beim International Newspaper Color Quality Club erfolgreich waren und somit ihre Fähigkeit unter Beweis gestellt haben, ein hohes Qualitätsniveau im Zeitungsdruck immer wieder sicher zu erreichen.

Roland Thees und Manfred Werfel (WAN-IFRA) und Marius Fink (von links)

Betreibermodelle bei Zeitungsdruckereien
Heiko Schröder, Geschäftsführer, TMI Services GmbH, Ahrensburg


Heiko Schröder stellte mögliche Anwendungen für Betreibermodelle in Zeitungshäusern vor, die von der Unternehmensgruppe TMI angeboten werden. TMI ist auf die Bereiche Druck und Verlag spezialisiert, verfügt über ein Netz von Standorten in Deutschland und beschäftigt Fachkräfte aus der Branche. Grundsätzlich unterschieden wird nach Werk- und Dienstverträgen einerseits und der Arbeitnehmerüberlassung andererseits. Im ersten Fall übernimmt ein TMI-Unternehmen die Produktionsverantwortung für den Prozess, im zweiten verleiht sie Mitarbeiter.

Heiko Schröder (links) mit Moderator Werner Lauff

Leiharbeiter können in allen Bereichen der Druckerei eingesetzt werden. Ihr Einsatz bietet die Möglichkeit, andere Tarif- und Personaleinsatzmodelle anzuwenden und damit Kosten einzusparen. Das heißt, wo früher fünf eigene Drucker eingesetzt wurden, werden heute vielleicht noch zwei geliehene Kräfte eingesetzt. Betreibermodelle können ein wichtiger Beitrag zur Kostenreduzierung sein; das Einsparpotenzial beträgt etwa 15 bis 20%. Zusätzliche Vorteile liegen in der Flexibilität für den Betrieb und dem Knowhow der Facharbeiter (insbesondere durch Erfahrung aus verschiedenen Betrieben).

Cloud Computing wird kommen
Robin Prosch, Senior Practice Consultant, EMC Consulting, Hamburg

EMC Consulting ist ein US-Konzern mit 16 Mrd. Umsatz, der über globale Präsenz (6 Standorte allein in Deutschland) verfügt 40.000 Mitarbeiter und über 2000 Consultants beschäftigt. Robin Prosch machte gleich zu Anfang seines Vortrags klar: Cloud Computing ist nicht nur ein Thema für die IT! Das werde oft falsch verstanden.
Charakteristisch für Cloud Computing ist: Es gibt es keine feste Zuordnung von Hardware und Programmen mehr, die IT wird wesentlich flexibler und kosteneffizienter. „Oft dümpeln ungenutzte Ressourcen die meiste Zeit vor sich hin und die Spitzenlast wird nur selten, vielleicht wenn der Jahresabschluss ansteht, erreicht.“ Warum also so viel Kapazität selber vorhalten?


Das Cloud Conputing Konzept

Das Rechenzentrum, das sich bisher physisch im Unternehmen befand, wird beim Cloud Computing zum virtuellen Rechenzentrum, zur Cloud (Wolke). Dabei wird nach „Private Clouds“ und „Public Clouds“ unterschieden, die unter eigener bzw. fremder Regie betrieben werden. Die Vorteile liegen im einen Fall bei der 100%igen Kontrolle über die eigenen Daten, im andern bei der Flexiblität und einem durchgängigen Service. Die Schnittmenge daraus wird als Hybrid Cloud bezeichnet und markiert einen Bereich, der durch komplette Verschlüsselung ein hohes Maß an Datensicherheit gewährt, trotzdem aber auf Public Cloud-Infrastruktur basiert. „Es gibt keine Cloud-Strategie von der Stange“, sagte Prosch, die Anwendungsfälle sind maßgeblich dafür.

 

Expertendiskussion: Quo Vadis Verlags-IT?
Peter Kirchner, Geschäftsführender Gesellschafter, Kirchner + Robrecht management consultants, Frankfurt;
Kai Rutkowski, Geschäftsführer, leupold rutkowski consulting, Düsseldorf

 

 

Kai Rutkowski (links) und Peter Kirchner

Cloud Computing war auch eines der Themen bei der sich anschließenden Expertendiskussion, an der sich auch das Auditorium rege beteiligte. Hier einige der daraus gewonnenen Erkenntnisse:

  • Dass Cloud Computing in der Praxis funktioniert, wurde in anderen Industrien bereits bewiesen.
  • Die IT kann die Verlage von technischen Detailfragen wie Datensicherheit und Verfügbarkeit befreien, damit sie sich mit den eigentlichen Zukuftsfragen befassen können.
  • Die Ausrichtung der IT muss auf Industrialisierung zielen und handwerkliche Prozesse eliminieren, nur so sind effiziente Prozesse erreichbar.
  • IT ist keine Kernkompetenz des Medienunternehmens.
  • Die Bereitstellung der Infrastruktur ist nicht die einzige Aufgabe der IT, wichtiger sollte die Umsetzung von Ideen in Lösungen sein.
  • Die Prozessvereinfachung und -standardisierung sind eine Verlagsaufgabe. Je komplexer die Prozesse, desto schwieriger ist es, sie durch die IT abzubilden.
  • Das Management muss sich darüber im Klaren sein, dass ständige Prozessveränderungen auf Kosten der Effizienz gehen: Jede Veränderung zieht sich durch die gesamte Prozesskette hindurch.
  • Durch Standardisierung lassen sich enorme Effekte erzielen. Ein gutes Beispiel aus dem Verlagsbereich sind Standard-Templates für die Seitenerstellung.
  • Der Schwerpunkt der IT soll das Applications-Management sein; alles andere kann über Cloud Computing abgedeckt werden.
  • •T-Outsourcing und Kooperationen sind für viele kleinere Verlage unvermeidlich. Das Kooperationsmanagement spielt eine wichtige Rolle.
  • Verlage sollten Informatikern die Chance geben, ihr Innovationspotenzial einzubringen.
  • IT-Experten sollten in Projekte frühzeitig einbezogen werden. Damit wird auch die Frage der Umsetzbarkeit in einem frühen Stadium geklärt.
  • Das Selbstverständnis der IT ändert sich – muss sich ändern!

Technologie-Scouting und Innovationsmanagement
Dr. Joachim Köhler, Head of Department NetMedia, Fraunhofer-Institut für Intelligente Analyse- und Informationssysteme IAIS, Sankt Augustin

Das Fraunhofer-Institut IAIS in St. Augustin bei Bonn befasst sich unter anderem mit der Forschung und Entwicklung von Anwendungslösungen, die auf der Analyse vorhandener Datenbestände und Prozesse basiert. Es geht darum, auf datenbankgestützten Systemplattformen mithilfe von hochentwickelten Analyseverfahren Potenziale zu erkennen, um daraus zusätzlichen Nutzen für das Unternehmen zu generieren. Die Experten von Fraunhofer unterstützen den gesamten Innovationsprozess – von der Ausarbeitung der Idee über die Realisierung bis hin zur Marktreife des Produktes. Dabei steht der Technologietransfer auf den Gebieten semantische Suche, Datamining, Sprach- und Bilderkennung sowie Archivierung im Vordergrund. Die Grundlage für die erfolgreiche Umsetzung ist ein funktionierendes Innovationsmanagement im Unternehmen.

Das Institut ist an dem vom Bundesministerium für Wirtschaft und Technologie (BMWi) initiierten Forschungsprogramm Theseus beteiligt, das den Zugang zu Informationen vereinfachen, Daten zu neuem Wissen vernetzen und die Grundlage für die Entwicklung neuer Dienstleistungen im Internet schaffen soll. Contentus – ein Teilbereich dieses Programms – setzt semantische Technologien ein, um multimediale Bibliotheken und Archive der Zukunft zu schaffen. Auch hier kommt Cloud Computing zum Einsatz. Speziell für Zeitungen mit ihren umfangreichen digitalen Archiven ergeben sich durch die Erschließung und intelligente Nutzung der Inhalte neue Geschäftsfelder. Ein Beispiel sind Dossiers zu bestimmten Themengebieten.

Fazit der Veranstaltung: Thema, Zeitpunkt und Ort waren gut gewählt. Das Ziel, den Dialog zwischen Verlag und Technik in Gang zu setzen, wurde erreicht. BDZV und WAN-IFRA werden sich über Folgeveranstaltungen Gedanken machen.

 

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