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Interview mit Horst-Walter Hauer

Fri, 2010-11-26 15:06 — Charlotte Janis...

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11570

Konzept

Horst-Walter Hauer erläutert das von seiner Firma IBH (IngenieurBüroHauer) entwickelte Konzept der "Zeitungsdruckerei der Zukunft" im Interview.

WAN-IFRA: Sie haben ein innovatives Konzept entwickelt, das die Zeitungsdruckerei effizienter machen soll. Wie ist das Konzept entstanden? Gab es entsprechende Anregungen durch Zeitungsunternehmen? Was ist der Grundgedanke dahinter?

HORST-WALTER HAUER: Die Idee zu dem IPAC-Konzept entstand aus meiner langjährigen, internationalen Erfahrung im Bereich Planung, Konzipierung und Abwicklung von Druckmaschinenanlagen und bei der Ausarbeitung von Investitionsstrategien für wirtschaftliche Maschinenkonzepte für Zeitungsunternehmen. Das IPAC Konzept wurde bzw. wird in einer mittlerweile 2-jährigen Forschungs- und Entwicklungsarbeit in unserem Ingenieurbüro mit Unterstützung von Experten aus den Bereichen Druckereiausrüstung und industriellen Prozessleitsystemen aber auch Architekten mit Erfahrung im Bau von Hochregallagern und Druckereien sowie Herstellern von industriellen Logistiksystemen entwickelt.
Viele Anregungen kamen durch intensive Diskussionen mit Betreibern von Zeitungsdruckereien. Es besteht angesichts der verschärften Wettbewerbssituation insbes. mit den E-Medien dringlicher denn je die Notwendigkeit, den Produktionsprozess des Print -Produktes weiter zu industrialisieren und effizienter zu gestalten. Damit ist unabdingbar eine Erhöhung der Automatisierung und Produktionsflexibilität verbunden, um rascher auf Produkt-, Technik- oder Marktänderungen reagieren zu können. Die hierzu notwendigen neuen Konzepte müssen in sich zukunftssicher und langfristig ausgerichtet sein.

Im Grunde genommen beinhaltet IPAC die Integration aller am Produktionsprozess beteiligten Produktionsbereiche durch ein gemeinsames flexibles Versorgungssystem für Material, Bedienung und Automatisierung. Dabei spielt die Anordnung der Produktionsaggregate in Linien und die Stapelung übereinander genau so eine wichtige Rolle wie die Versorgung durch ein an verschiedene Transportaufgaben anpassungsfähiges Transportsystem. Die Ergebnisse von Analysen zeigen, dass es durch diesen Produktionsverbund möglich ist, flexibler, wirtschaftlicher und höher als heute üblich, zu automatisieren.


WAN-IFRA: Das Interessanteste an dem Konzept ist wohl das zentrale Transportsystem. Basiert es auf einem Schienensystem? Könnte man auf bestehende Komponenten eines Hochregallagers zurückgreifen?

H.-W. HAUER: Für ein Anwendungsbeispiel haben wir ein gängiges Regalbediengerät zentral angeordnet. Der Typ Transportsystem auf Schienen wird heute bereits mit Erfolg für das Papierrollenlager eingesetzt. Der Vorteil liegt in der großen Verlässlichkeit des Systems, der Erhöhung der Wirtschaftlichkeit und den hohen Auslastungsmöglichkeiten. Beim IPAC-Konzept kann die Transportfunktionalität jetzt auf weitere Bereiche der Produktion erweitert werden. Wir greifen auf bewährte Lagertechnik zurück, solange es eben diese betrifft. Aber wir möchten die weiteren Vorteile des Konzeptes zur Prozessorientierung nutzen, um die Produktionseffizienz über die eines gebräuchlichen Logistiksystems anzuheben. Ein Hochregallager allein enthält eben keine produzierenden Aggregate innerhalb des Logistiksystems.


WAN-IFRA: Sieht das Konzept eine Art Plattform (ähnlich einer Palette) vor, die als „fahrbarer Untersatz“ dient, um Material und Personen hin- und herzutransportieren? Oder würden jeweils unterschiedliche Spezialträger oder -behälter (etwa für Papierrollen, Druckplatten und Personen) eingesetzt?

 

H.-W. HAUER: Das Transportsystem enthält einen Grundadapter, der verschiedene shuttle von Parkplätzen entlang der Produktionslinien aufnehmen kann. Die Shuttle können dann wieder auf Parkplätzen abgesetzt werden. Je nach Produktionssituation werden unterschiedliche Arten von shuttle aktiviert: Die üblichen Papierrollentransporteinrichtungen, verschiedenste Container, zum Beispiel ein Gabelstapleraufsatz für Materialtransport (Platten, Ersatzteile, Kassetten mit Platten, Feuchtmittelcontainer, Heftdrahtrollen..). Einige bis heute noch stationäre Robotersysteme können dann mobil werden und neue Aufgaben mit übernehmen. Hier erwarte ich zukünftig interessante Entwicklungen.

WAN-IFRA: Wäre es möglich, mehrere Transportfahrzeuge/-geräte gleichzeitig auf den Weg zu schicken – die sich dann natürlich nicht in die Quere kommen dürften?

H.-W. HAUER: Selbst verständlich können mehrere Transportsysteme auf einer Schiene laufen, gesichert gegen Kollision. Ebenso sind zum Beispiel für identisch ausgeführte gestapelte Aggregate, die unumgänglich gleichzeitig bedient werden müssen, Doppeladapter denkbar, eben je nach Produktionsanforderung. Effizient ist es, das Transportsystem so oft wie möglich fahren zu lassen. In der schnellen Transportmöglichkeit des Bedieners an jeden Ort (in jeder Höhe) der Produktionslinie liegt der Zeiteinsparungseffekt, um Vorgänge jetzt auch sequentiell von einem Bediener abarbeiten zu können. Es können dann neuartige Assistenzfunktionen der Prozessleittechnik zum Tragen kommen, die den Bediener weiter entlasten und ein produktionsbereichs-übergreifendes Arbeiten erleichtern.

WAN-IFRA: Wie würde das Transportsystem gesteuert?

H.-W. HAUER: Je nach Ausführung des IPAC Konzeptes erfolgt die Steuerung in einer manuellen Grundvariante vom Bediener selbst oder über „Taxibefehle“, die heute schon direkt aus den Daten des Produktionsplanungssystems generiert werden können bis hin zu einer voll durchgängigen Steuerung über ein Druckereiplanungssystem (EPS). Auch vielfältige Entwicklungsmöglichkeiten bei der Fremdsteuerung von außen z.B. für Serviceleistungen der Aggregat-Hersteller möchte ich erwähnen.


WAN-IFRA: Bei der Kompaktheit der Aggregate könnte ich mir vorstellen, dass es bei einer Störung eng wird, wenn z.B. bei laufendem Betrieb eine Reparatur vorgenommen oder ein Aggregat ausgetauscht werden muss.

H.-W. HAUER: Nun gerade durch die gestapelte Anordnung der einzelnen Aggregate werden aber attraktive Einsparungen bei der bebauten Grundfläche und eine einfache quaderförmige Gebäudeform möglich. Interessant auch die kurzen Verbindungswege zwischen den einzelnen Produktionsbereichen (so die klassische Trennung zukünftig noch aufrechterhalten wird). Bei einer Störung unterscheiden wir zwischen einer massiven, nicht während der Produktionszeit behebbaren und einer kurzfristig behebbaren Störung. Im ersten Fall wird die Reparatur wie üblich erst dann möglich, wenn geeignetes Material und Personal einsatzbereit ist. Im zweiten Fall ist ein deutlich schnelleres Eingreifen mit der Hilfe von IPAC überhaupt erst möglich. Wird die Störung über ein Störmeldesystem erfasst, kann dieses System auch die Abholung des Bedieners mit dem entsprechend ausgestatteten (Hilfsmittel oder Werkzeuge) shuttle organisieren, mal abgesehen von dem essentiellen Vorteil des schnellen Transports des Bedieners zur Störstelle. Mit dem Konzept des übergreifenden Transportsystems wird auch ein Komplettaustausch von mittelschweren Aggregaten oder Teilaggregaten durchführbar, da diese direkt von der "Reservebank" an die Störstelle transportiert werden können. Als Entwicklungsmöglichkeit möchte ich hier nur den dann technisch machbaren Full Remote Service erwähnen, der für den Zeitungsbereich ja eine hohe Relevanz hat. Aber auch neue Konstruktionen von bedienhöhen-unabhängigen, standardisierten Aggregaten eröffnen sicherlich technisch interessante und wirtschaftlich neue Möglichkeiten.

WAN-IFRA: Mit wie vielen Personen könnte eine nach diesem Konzept funktionierende Druckerei von der Größe, wie die in Ihrer Animation gezeigte, betrieben werden, ca? Wie viele verschiedene Aufgabenbereiche bzw. Verantwortlichkeiten würde es mindestens geben?

H.-W. HAUER: Die Anzahl der Bemannung richtet sich in diesem Fall nach dem eingesetzten Automatisierungsgrad. Wird das IPAC Konzept auf dem Niveau eines reinen Materialtransportsystems installiert, wird noch Bemannung für die Begleitung des Transports benötigt. Das Niveau lässt sich dann sukzessive bis hin zur Vollautomatisierung erhöhen. Je nach Höhe des Automatisierungsgrades verwischen die Verantwortungsgrenzen der einzelnen Produktionsbereiche wie sie Ihnen heute bekannt sind.

WAN-IFRA: Wie weit (in Jahren) ist die Vision Ihrer Meinung nach noch von einer möglichen Realisierung entfernt? Und welche Rahmenbedingungen müssten dazu erfüllt sein?

H.-W. HAUER: IPAC kann heute schon mit marktgängigen Aggregaten realisiert werden. Die Vorteile können in Neuanlagen genutzt werden, ich arbeite aber auch an einer schrittweisen Implementierung ausgehend von einer vorhandenen Anlage. Das Konzept erfreut aber auch durch einen visionären Teil, der viel Raum für interessante Entwicklungen aufzeigt, die wir zusammen mit den Zeitungsunternehmen und den Herstellern von Aggregaten und Maschinen in Form von neuen Druckereikonzepten, neuen Produkten aber auch für neue Dienstleistungen realisieren möchten. Die Betreiber und deren Kunden werden bestimmen wie rasch sie eine Realisierung welcher Schritte benötigen und wie sie die Möglichkeiten für neue Geschäftsmodelle nutzen wollen. Wir freuen uns immer, Interessenten den Weg für diese innovativen, neuen Möglichkeiten aufzeigen zu können.

 

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