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Interview mit Moritz Schwarz
Tue, 2010-03-09 15:35 — Charlotte Janis...
- Article ID:
- 11197
Lean Production
Moritz Schwarz ist als Consultant für den Bereich Zeitungsproduktion für WAN-IFRA tätig und lernt dabei Zeitungsproduktionsbetriebe in aller Welt kennen.
Schlanke Produktion hat viele Vorteile, insbesondere in Zeiten knapper Kassen.
WAN-IFRA: Im Rahmen Ihrer Consulting-Tätigkeit für WAN-IFRA lernen Sie Zeitungsproduktionsbetriebe in aller Welt kennen. Würden Sie sagen, dass sich eine allgemeine Tendenz zu einer Verschlankung der Produktionsprozesse bei Zeitungsdruckereien abzeichnet und wenn ja, woran wird das deutlich?
MORITZ SCHWARZ: Wenn man schlanke Produktion unter dem Kostenaspekt sieht, dann ist dieser Trend ja von seit Jahren erkennbar, gerade in den gesättigten Märkten. Wie in vielen anderen Branchen gilt auch bei den Zeitungsdruckereien: Kosten einsparen, wo immer das möglich ist, beispielsweise beim Papierverbrauch oder den Personalkosten. So ist die Welle der Formatverkleinerungen bzw. -umstellungen auf Tabloid meist unter dem Kostengesichtpunkt zu sehen. Und der Personalbestand in den Druckereien ist kontinuierlich zurückgegangen. Was die Prozesse an sich betrifft, so kann man da nicht mehr viel verschlanken; die Umstellung von Film auf CTP, das war eine Verschlankung, weil damit Prozessschritte eingespart wurden. Wenn man an Rationalisierung denkt, wäre hier vor allem die Automatisierung zu nennen, die auch aufgrund der technischen Weiterentwicklung nach und nach Einzug in den Druckbetrieben hält.
WAN-IFRA: Sind die Unternehmen unter den gegenwärtigen wirtschaftlichen Bedingungen willens und in der Lage, in Automatisierung zu investieren? Werden die längerfristigen Vorteile gesehen?
MORITZ SCHWARZ: Die Verlage oder unabhängigen Druckereien sind natürlich daran interessiert, in die Automatisierung zu investieren, aber nur dann, wenn sich damit nachhaltige Kostenvorteile einstellen. Technikverliebtheit ist jedenfalls kein Motiv. Mit der Investition in moderne und hoch automatisierte Technik verfolgen die Zeitungshäuser vor allem zwei Gründe: Sie wollen produktiver werden und Personalkosten einsparen. Die Qualität ist auch wichtig, steht aber hinter den genannten Intensionen zurück.
Große Druckereien, die ihrem Maschinenpark erneuern, kommen oft mit weniger Rotationen aus als früher, weil diese weitaus produktiver sind. Bei 6/2-Maschinen werden mit jeder Zylinderumdrehung 50% mehr Seiten produziert als bei einer 4/2-Standard-Konfiguration, dazu kommt noch die meist höhere Laufgeschwindigkeit.
Um mit der Anschaffung automatisierter Anlagen auch Personal reduzieren zu können, sind oft Verhandlungen mit dem Betriebsrat erforderlich, mit dem dann ein Haustarifvertrag ausgehandelt werden muss, um sicherzustellen, dass man nicht trotz rationalisierter Abläufe genauso viele Mitarbeiter weiterbeschäftigen muss. Betriebsräte und Gewerkschaften sind in manchen Ländern ein Thema, in anderen nicht.
WAN-IFRA: An welchen Stellen lassen sich positive Effekte in Richtung schlanke Produktion erzielen ohne dass dazu wirklich Geld in die Hand genommen werden müsste?
MORITZ SCHWARZ: Das ist schwer zu beantworten, weil die Betriebe in ihrer Größe, Auftragssituation und technischen Ausstattung kaum vergleichbar sind. Die einen sind schon sehr schlank, in dem Sinne, dass sie eine dünne Personaldecke haben – da fällt mir zum Beispiel die Zeitungsdruckerei Herold in Wien ein, die mit einer äußerst kleinen Mannschaft agiert – und es gibt andere, denen es wirtschaftlich offensichtlich so gut geht, dass sie sich viel mehr Personal gönnen, als für einen geregelten Ablauf eigentlich nötig wäre. Da ist sicher bei manchen Betrieben noch Potenzial für eine Verschlankung. Wenn Zeitungsdruckereien in Zukunft verstärkt zusätzlich Semicommercial-Aufträge abwickeln, können auch leistungsfähige Tools für die Produktionsplanung nützlich sein, vorausgesetzt sie sind flexibel und bedienerfreundlich.
