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Interview mit Philippe Jannet, Les Echos

Mon, 2008-03-31 00:00 — WAN-IFRA

Article ID:
5732

IFRA: Sie bieten Ihr E-Paper-Abonnement in drei Varianten an: Zwei Versionen einschließlich E-Reader (iLiad von iRex Technologies, für ein Jahresabo von 769 Euro; oder E-Reader von Ganaxa für 649 Euro) sowie ein Angebot ohne Reader (365 Euro). Welche dieser Möglichkeiten findet einige Monate nach der Einführung den größten Anklang?

Philippe Jannet: Wir haben bisher etwas mehr als 1000 Abonnements verkauft. Am besten läuft der iLiad (700 Abonnenten), aus verschiedenen Gründen: Möglichkeit zur WiFi-Anbindung; offene Geräteplattform, für die auch Bücher erhältlich sind; beschreibbares Display; Word- oder PDF-Dokumente lassen sich auf den eigenen Rechner laden und auf das Gerät übertragen etc. – kurzum ein recht umfassendes Gerät. Wir wollten zwei Preisniveaus anbieten, doch letztendlich wird dem teureren Angebot der Vorzug gegeben. Die Tatsache, dass der iLiad WiFi-kompatibel ist, ist hier sicherlich ein Argument. Rund hundert Abonnenten nutzen die Variante ohne Gerät. Das ist für uns eher das Zukunftsmodell, denn wir wollen nicht unbedingt Geräte verkaufen. Die E-Paper-Entwicklung könnte für die Zeitungsbranche eine echte Revolution bedeuten. Angesichts steigender Transport- und Papierpreise ist das eine Möglichkeit, Kosten zu sparen und im direkten Kontakt mit unseren Lesern zu bleiben.

IFRA: Wie ist die Resonanz von Nutzerseite ?

P. Jannet: Wir haben den Abonnenten einen ersten Umfragebogen zugeschickt, um sie nach ihrer Meinung zu fragen. Insgesamt sind die Leser zufrieden mit dem, was ihnen von Les Echos geboten wird. Allerdings taucht immer wieder der Wunsch auf, auch andere Zeitungen auf dem E-Reader empfangen zu können. Gewünscht wird ein echter E-Paper-Kiosk. Es gab einige Anregungen zur Ergonomie, die wir bei der kürzlich eingeführten neuen Version umgesetzt haben: Beim iLiad befinden sich die Bedienelemente unten am Display, und unsere eigenen Buttons für die Navigation innerhalb der Zeitungsinhalte waren am oberen Rand angeordnet, sodass die Bedien­oberfläche etwas unübersichtlich war. Wir haben daher unsere Buttons vertikal am linken Bildrand angeordnet, damit die Nutzer besser unterscheiden können, was zur Steuerung des Gerätes dient und was die eigentliche Zeitung betrifft. Ebenfalls häufig wurde der Wunsch nach einer längeren Akkulaufzeit geäußert. Die Akkulaufzeit beträgt derzeit 12 Stunden, aber die Aktualisierung der Inhalte verbraucht viel Energie. Das ist ähnlich wie bei einem Handy.

IFRA: Ist die Tatsache, dass Sie auch Bücher anbieten, ein Anreiz für potenzielle Abonnenten?

P. Jannet: Bücher anzubieten, war für uns eine Möglich­keit, zu zeigen, dass die potenzielle Nutzung eines E-Readers weit über die reine Zeitungslektüre hinausgeht. Seit wir das anbieten, hatten wir viele Nachfragen von Buchverlagen, die uns um Unterstützung baten, ihre Bücher in E-Paper-Form anzubieten. Wir werden dabei helfen, ein Buch-Angebot zu entwickeln, insbesondere für den Fachbuch-Bereich. In den kommenden Monaten dürften weitere französische Zeitungs- und Zeitschriften­verlage hinzukommen, sodass wir einen echten Kiosk anbieten können. Anders als man annehmen könnte, verfügt das Medium Buch nicht über die Marketingmittel, um als Motor für die E-Reader-Entwicklung fungieren zu können. Man braucht beides. Ein Buch ist etwas Bleibendes und die Zeitungen steuern die Aktualisierung und das Marketing, das „Tamtam“ für den Absatz der Geräte, bei.

IFRA: Amazon bietet für seinen Kindle ein Abonnement von Les Echos für 116 Euro pro Jahr an – ein konkurrenz­loser Preis, wenn man das mit Ihren Abonnement-Preisen vergleicht. Werden Sie Ihre Preise halten können, wenn die Produktionsprobleme des Kindle behoben sind und das Gerät auch in Europa auf den Markt kommt?

P. Jannet: Wir haben versucht, bei unseren Abotarifen eine einheitliche Linie zu verfolgen. Mit 365 Euro ohne Reader kostet das E-Paper-Abonnement genauso viel wie der Zugang zur Web- plus Mobil-Version. Mit Amazon ist das schwieriger, weil sie selbst die Preise festlegen wollten, zu denen die Zeitungen angeboten werden. Das Angebot ist auf die USA beschränkt und die Version von Les Echos für den Kindle ist nicht mit dem zu vergleichen, was wir anbieten.

Amazon listet einfach einen Zeitungsartikel nach dem anderen auf – es gibt keine hierarchische Strukturierung der Nachrichten und keine Aktualisierung. Es handelt es sich um einen buchartigen Ansatz, denn das ist deren Metier. Sie haben ein ehrgeiziges Ziel und ich bewundere sie – doch was sie bisher realisiert haben, ist meiner Ansicht nach noch nicht ausgereift. Wenn der Kindle tatsächlich nach Europa kommt – es gibt entsprechende Gerüchte – werden wir uns anpassen. Zum Start wollte Amazon eine Art internationales Schaufenster. Anfangs haben wir ihnen ziemlich viel Kopfzerbrechen bereitet, weil wir unser E-Paper-Layout umgesetzt haben wollten, doch das hat nicht funktioniert. Nicht, dass sie nicht gewollt hätten, aber es war offenbar zu kompliziert für sie.

IFRA: Ist es denn so schwierig, ein E-Paper-Layout zu realisieren?

P. Jannet: Wir übernehmen XML-Daten aus unserem Redaktions- oder unserem Online-System. Mit einem von uns konzipierten XSLT-Prozessor transformieren wir die XML-Dokumente in das gewünschte Layout und dann in PDF. Wir konnten die Zeitung nicht 1:1 auf den iLiad stellen, denn das wäre nicht sinnvoll gewesen. Daher haben wir uns an den Möglichkeiten des Geräts orientiert und ein entsprechendes Layout entworfen, in das die Artikel bei einer Aktualisierung einfließen. Das ist auch nicht sonderlich anders als bei der Konzeption einer Website. Natürlich muss man gewisse Abstriche machen, denn man hat beim E-Paper natürlich nicht das gleiche Spektrum an Funktionalitäten. Das Wichtigste ist, gut strukturierte Inhalte anzubieten. Darauf achten wir im Sinne des Dienstes am Leser.

IFRA: Glauben Sie, dass Handys und Smartphones wie das iPhone und deren E-Reader-Anwendungen den anderen Initiativen im Bereich E-Reading das Wasser abgraben werden?

P. Jannet: Hier kann ich nicht zustimmen. Ehrlich gesagt kommt es schon vor, dass ich Les Echos auf meinem iPhone lesen, doch die Hintergrundbeleuchtung und die Navigation führen dazu, dass man nicht lange lesen kann. Was die Leute erwarten, wenn sie unsere Zeitungen kaufen, das ist auch die hierarchische Strukturierung der Informationen, die wir ihnen anbieten. Beim Mobiltelefon ist das nicht so leicht. Was wir am E-Reader schätzen, ist die Tatsache, dass wir es hier mit einer Technologie mit einem größeren Display als bei einem Handy und vor allem ohne Hintergrundbeleuchtung zu tun haben. Der Lesekomfort ist fantastisch. Wenn die großen Marken die E-Paper-Technologie für sich entdecken, was langsam der Fall ist, werden sich diese Tools sehr rasch entwickeln. Deren eigentliches Plus ist offensichtlich.

Das iPhone ist auch nichts anderes als ein weiteres Handy mit einem tollen Paketangebot und einem großen Marketingbrimborium. Ich hatte kürzlich ein Meeting mit Vertretern von großen Mobilfunkbetreibern, die mir erklärten, dass die Leute in ihren Kundenpanels Smartphones für das Senden von E-Mails und für das Aufzeichnen von Notizen verwenden und gleichzeitig ein Handy zum Telefonieren. Bei E-Paper ist es ähnlich. Man muss ihm Zeit lassen, um sich zu etablieren. Der klare Vorteil liegt in den revolutionären Displays. Es würde mich nicht wundern, wenn sich die Computerhersteller hiervon inspirieren ließen. Derzeit sind die Geräte durch die Akkus und die Elektronik noch etwas wuchtig, aber künftig könnte der Akku und die Elektronik im PC integriert sein, sodass man es beim Arbeiten nur noch mit einer dünnen Folie zu

tun hätte. Ich könnte mir vorstellen, dass Unter­nehmen wie General Electric, Samsung oder Philips Projekte in dieser Richtung verfolgen.

IFRA: Wie beurteilen Sie die Zukunft dieser neuen Leseformen und welche Technologien behalten sie im Auge? Glauben Sie, dass sich ein Universalformat herausbilden wird, das dazu beitragen wird, dass E-Reader weniger „proprietär“, sondern allgemeiner nutzbar sind?

P. Jannet: Dieses Universalformat gibt es bereits: XML mit einer Indexierung, die es ermöglicht, das Zusatz­angebot hervorzuheben. Wir verfolgen sehr genau, was Adobe zu bieten hat. Doch Flex und Ajax sind zum Teil so weit in der Entwicklung voran, dass Google zum Hemm­schuh wird. Google kann heute keine Inhalte auf der Basis von Flash oder Ajax oder dynamischem PHP finden. Und aus Sicht eines Verlags ist es von elemen­tarer Bedeutung, dass Google auf die Inhalte zugreifen kann. Die E-Reader werden im Laufe des Jahres sicherlich noch ansprechender werden. Farbige Displays wird es nicht geben, weil das noch zu teuer ist. Die Geräte des chinesischen Herstellers Jinke sind sehr interessant. Der A4-Tablet-PC Nemoptic ist sehr ansprechend und wir verfolgen aufmerksam die Entwicklung der flexiblen, biegsamen Displays von Polymer Vision. Es herrscht reger Wettbewerb, der den Verlagen zugute kommt. Die Preise werden sinken, wenn mehr Geräte gekauft werden. Ich meine, dass der tatsächliche Preis der Geräte bei rund 200 Euro liegen müsse (Anm. d. Red.: derzeit liegt er bei 400 Euro). Wenn wir mehrere Zeitungen anbieten können, wird der Preis des E-Readers keine so vorrangige Rolle mehr spielen.

IFRA: Sie bieten praktisch alle verfügbaren Formate für das Lesen Ihrer Zeitungen an. Ist die Aufbereitung der Daten für die verschiedenen Formate (über Print hinaus) mit einem großen Aufwand verbunden? Haben Sie Wege gefunden, bestimmte Produktionsprozesse zu automatisieren?

P. Jannet: Alles ist automatisiert. Wir sind von unserem Redaktionssystem bei Les Echos (Anm. d. Red.: Wedia) ausgegangen und haben dieses für unsere Anforde­rungen weiterentwickelt. Unser internes IT-Team und das Web-Team der Zeitung haben so eine sehr saubere XML-Lösung realisiert. Außerdem arbeiten wir mit dem Unternehmen SDV Plurimédia zusammen, das uns bei der Anpassung der XSLT hilft. Letzendlich ist es heutzutage nicht sehr schwierig, einen Workflow zu automatisieren.

IFRA: Welchen Kanal/Welche Kanäle für die digitale Verbreitung sollte ein Verlag wählen, wenn er die mobile Lektüre seiner Zeitung anbieten möchte?

P. Jannet: Das ist keine Frage der Wahl. Wir haben keine Wahl, wir müssen für unsere Leser verfügbar sein, wo und wann auch immer sie unsere Inhalte wünschen. Wenn die XML-Daten von Anfang an gut strukturiert sind, ist die Bereitstellung per Handy, Website oder E-Paper-Version praktisch kein Aufwand. Wir müssen mit unseren Lesern in Kontakt bleiben. Man sollte es daher beispiels­weise auch vermeiden, auf die Mobilfunkbetreiber als Mittler zurückzugreifen. Man muss den direkten Kontakt halten. Mit dem Internet und dem mobilen Internet haben wir diesen direkten Kontakt wieder hergestellt, und das gilt für das E-Paper in noch höherem Maße. Die große Versuchung für die Mobilfunkbetreiber besteht darin, die Abonnenten für sich selbst zu gewinnen. Darum ist also Vorsicht geboten!

IFRA: Wie schätzen Sie die Zukunft von E-Paper-Produkten ein, wie sie beispielsweise von Newspaper­Direct oder Pressmart angeboten werden? Insbesondere deren Entwicklungen (digitaler Kiosk, interaktive Werbeformen)? Ist das für Les Echos interessant?

P. Jannet: Für mich wird ein echtes E-Paper per E-Reader angeboten. Bei den anderen Formaten handelt es sich um digitale Ausgaben für den PC. Derartige digitale Ausgaben bieten wir zwar auch an, doch sie sind nicht wirklich der Hit – und auch nicht das, was die Leser in Zukunft verlangen werden. Die Gefahr besteht auch darin, dass hier ein Mittler eingeschaltet wird. Es ist mir lieber, wenn wir unsere Produkte selbst verkaufen.

IFRA: Glauben Sie, dass auch die Werbekunden ihren Platz in diesen neuen Formaten finden werden? Werden die Leser der „digitalen Zeitung“ in die Gesamtleserzahl mit einbezogen?

P. Jannet: Die Integration von Werbung stellt kein wirkliches Problem dar. Wir stellten jedoch fest, dass es in unserem E-Paper vielleicht eine geringere Zahl von Anzeigen – dafür aber besser sichtbar und größer – geben sollte. Inzwischen haben wir die Aufmachung entsprechend angepasst. Wir haben auch eine Software entwickelt, die es ermöglicht, Werbung auf den Seiten einzuspielen, ähnlich wie das im Web der Fall ist. Das erfordert von den Werbetreibenden allerdings, dass sie eine Mini-Website oder ein Infomercial zur Erklärung ihres Produktes anbieten.

Unsere E-Paper-Leserschaft ist als Zielgruppe sehr attraktiv, sodass wir für Werbekunden durchaus interessant sind. Doch das E-Paper wird in nicht in die offiziell geprüften Gesamtauflagenzahlen mit einge­rechnet, weil es sich zu sehr von der Printversion unterscheidet und die Printanzeigen beispielsweise nicht eingebunden sind. Für Werbung per E-Paper- und auch per Mobiltelefon gilt das Gleiche wie für Internet-Werbung vor rund zehn Jahren: Es wird einfach noch dauern, bis die Werbekunden bereit dafür sind.

P. Jannet ist zuständig für die Internet- und Digital-Aktivitäten innerhalb der DI Group (Mediensparte von LVMH, Aktionär der Wirtschaftszeitung Les Echos). Er ist 48 Jahre alt, ausgebildeter Journalist und verfügt über große Erfahrung im Bereich Electronic Publishing. Bevor er zu Les Echos kam, war er von 1983 bis 1996 für die Aktivitäten verschiedener Verlage (Bayard Presse, Hachette, le Parisien) im Bereich Telematik (mit dem französischen Internet-Vorläufer Minitel) zuständig. Danach leitete er den Aufbau der 1996 eingerichteten Website von Les Echos, damals Web-Pionier unter den französischen Tageszeitungen. Die Website, die zunächst auf ein Abo-Bezahlsystem gesetzt hatte, praktiziert heute eine Mischung aus kostenpflichtigem Zugang zu hochwertigen Inhalten und Diensten sowie einem Gratiszugang zu allgemeineren Informationen. Insgesamt verzeichnet die Website fast 4,7 Millionen Visits und 25 Millionen Page Views por Monat. Im September 2007 führte die Zeitung, die in diesem Jahr ihr hundertjähriges Bestehen feiert, als eine der ersten weltweit ein Abonnement per E-Reader ein und im Februar 2008 erweiterte sie ihr Angebot auch auf den Mobil-Bereich. Unter der Adresse m.lesechos.fr können die Leser auf die wichtigsten Informationen und Dienste von Les Echos per Handy und Smartphone (u.a. Sony Ericsson, Nokia unter Symbian, iPhone und BlackBerry) zugreifen. Das Mobilangebot von Les Echos lässt sich auch über die mobile Konsole Sony PSP abrufen.

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