Der Besitz eines E-Papers ist für führende russische Zeitungen Teil ihrer Gesamtstrategie zur Multiplattform-Distribution, die den Konsumenten die Wahl zwischen verschiedenen Kanälen lässt. Bisher ergab sich hieraus kein großes Geschäft, doch die Verlage betrachten es als potenzielle Einnahmequelle für die Zukunft. Subscribe.ru, ein russischer Online-Medien-Vertriebskanal, versucht darüber hinaus, einen digitalen Zeitungsstand zu entwickeln. Im Folgenden werden die E-Paper-Aktivitäten von Subscribe.ru und von zwei großen Verlagen vorgestellt.
Komsomolskaya Pravda
Alexander Chekshin ist Marketing- und Online-Projektleiter von Komsomolskaya Pravda (KP), Russlands auflagenstärkster überregionalen Tageszeitung.
„Die digitale Version fügt sich zu 100 Prozent in unsere Strategie“, sagt A. Chekshin. „Wir bauen ein Multiplattform-Medienunternehmen auf und nutzen SmartEdition (von NewspaperDirect) als weiteren Vertriebskanal. Wir betrachten es als einen sehr viel versprechenden Werbeträger in der Zukunft, auch wenn die Nachfrage unter den Anzeigenkunden bisher gering ist. SmartEdition wurde vor ein paar Jahren als kostenpflichtiger Dienst eingeführt, doch nun planen wir, ihn kostenlos zu gestalten. Es gibt sehr wenige Abonnenten, darunter in erster Linie Nutzer aus dem Ausland. Ein kostenloser Zugang kann die Nutzerzahl erhöhen. Das Format wird erst dann richtig beliebt werden, wenn normale Nutzer Zugriff auf tragbare Geräte zum Lesen des E-Paper-Formats haben.“
„Zu den Funktionen, die uns bei diesem Format gefallen, zählt die Möglichkeit, eine vollständige Übersicht über die Leserschaft aufzurufen, die anzeigt, auf welche Bereiche der Seite sich die Aufmerksamkeit der Leser richtet, welche Überschriften sie bevorzugen, was ihre Aufmerksamkeit am stärksten weckt. Werden solche Tracking-Mechanismen mit umfangreichen demografischen Daten verknüpft, ist das für die Verlage von erheblichem Nutzen.“
Vedomosti
Victor Saxon ist Leiter der Internet-Technologie-Abteilung der Wirtschaftstageszeitung Vedomosti, einem Joint-Venture der Financial Times, dem Wall Street Journal und des in Moskau ansässigen Verlages Independent Media/Sanoma Magazines.
„Vedomosti ist ein Marktführer in allen Bereichen“, sagt V. Saxon. „Praktisch gesehen, betrachten wir E-Paper als Teil unserer Strategie der Multichannel-Übermittlung von Content zu bestehenden und potenziellen Mediennutzern. Wir lancierten unser E-Paper vor zwei oder drei Jahren (auch das Smart Edition-System). Bisher haben wir nur wenige Abonnenten, daher kann man sagen, das Wachstum beträgt pro Jahr Hunderte von Prozent. Doch wir distribuieren Vedomosti auch in einem einfachen PDF-Format über alle wichtigen Distributoren von solchen Inhalten, sodass sich unsere Einnahmen aus dem Verkauf von elektronischen Ausgaben nicht auf SmartEdition beschränkt.“
Subscribe.ru
Subscribe.ru ist ein russischer Online-Medien-Vertriebskanal, der für seine Dienste 5 Millionen Abonnenten gewinnen konnte. Neben dem Vertrieb von Online-Medien über bezahlpflichtige oder kostenlose Abonnements führt Subscribe.ru Marketing- und Anzeigenkampagnen durch und unterstützt die Entwicklung von Internet-Medienverkaufsstellen. Valentin Korobkov ist Leiter von Sonderprojekten.
IFRA: Wann führten Sie Ihren E-Paper-Katalog ein?
V. Korobkov: Im Jahr 2005 begannen wir damit, PDF-Versionen der Titel unserer Kunden zu distribuieren. Doch viele Verlage waren nicht erfreut darüber, dass ihre Produkte in einer Form verteilt wurden, die keinen Schutz vor unkontrolliertem Kopieren bot. Daher entwickelten wir einen neuen Mechanismus: Jeder Abonnent von esmi.subscribe.ru lädt ein speziell konzipiertes Client-Programm, den eSMI Reader, herunter, der es ihm ermöglicht, Publikationen zu abonnieren, herunterzuladen und Archivsuchen zu starten. Die Verlage stellen uns druckfertige PDFs bereit.
Im Dezember 2007 starteten wir offiziell das E-Paper-Abonnementprojekt, indem wir einige Titel unserer Kunden in das E-Paper-Format konvertierten. Ende April hatten wir 70 Titel in unserem Katalog und bis Ende dieses Jahres planen wir, mehrere Hundert aufzunehmen.
IFRA: Umfasst Ihr Katalog auch Zeitungen?
V. Korobkov: Im Grunde haben wir nur eine Zeitung. Sie heißt Outdoor Media, kommt einmal pro Monat heraus und sieht eher aus wie eine Zeitschrift. Unter den Zeitschriften bieten wir so populäre Titel wie Playboy oder Rolling Stone an, aber am zahlreichsten vertreten sind Nischenmagazine, z.B. Fachmagazine wie Ukrainian Engineering oder diese Art von „Do-it-yourself“-Ratgebermagazinen. Für sie ist das E-Paper ein perfektes Format zur Gewinnung neuer Abonnenten und Einsparung von Vertriebskosten.
IFRA: Wie ist die Preispolitik, und wie viele Abonnenten haben Sie für die verschiedenen Titel bisher gewonnen?
V. Korobkov: Den Preis setzen die Verlage fest. Wir empfehlen ihnen, 70 Prozent des Abonnementpreises der Printversion zu verlangen. Wir sammeln das Geld für die Verlage und berechnen eine Provision. Wir führen auch Marketingkampagnen für unsere Kunden durch, bei denen wir Abonnements zu vergünstigten Konditionen anbieten.
Bisher, würde ich sagen, bewegt sich die Zahl der Abonnenten für jeden einzelnen Titel im einstelligen Bereich. Im Allgemeinen nutzen viele Leser kostenlose Probeabonnements, aber nur wenige schließen ein kostenpflichtiges Abo ab. Dafür gibt es zweierlei Gründe. Zum einen befürchten die Verlage nach wie vor, dass sich die E-Paper negativ auf den Absatz ihrer Printversionen auswirken könnten und sind nicht bereit, mit den Preisen zu experimentieren. Zum anderen ist das Format für das Publikum noch recht neu.
Doch was die Zukunft der Projekte betrifft, sind wir ganz optimistisch. Erstens haben wir eine Datenbank von 5 Millionen Kunden unserer verschiedenen Dienste und dies ermöglicht uns ein gezieltes Marketing. Zweitens ist der Kopierschutz ein großer Vorteil für die Verlage.
Dieses Interview führte Alexei Pankin, Korrespondent von IFRA Magazine.