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Welt Kompakt entwirft Scroll-Edition
Wed, 2010-07-28 10:01 — Charlotte Janis...
- Article ID:
- 11401
Print-Experiment
Mit einer sogenannten „Scroll-Edition“ hat Axel Springer am 1. Juli ein „einmaliges Medienexperiment“ unternommen und eine Sonderausgabe von Welt Kompakt (der kleinen Schwester der überregionalen deutschen Tageszeitung Die Welt) herausgebracht. Die Ausgabe ist in mehrfacher Hinsicht ungewöhnlich: Zum einen sind die Nachrichten nicht von professionellen Zeitungsredakteuren geschrieben und zusammengestellt, sondern von „Bloggern, Twitterern und Co.“, wie es in der Unterzeile heißt. Zum anderen muss man das Exemplar erst einmal um 90 Grad drehen (Bund nach oben), um es lesen zu können.
„Hilfe, wir drucken das Internet“ lautet die Leitartikel-Überschrift. Und tatsächlich mutet das Layout ein bisschen wie die Bildschirmdarstellung einer Nachrichten-Website an. Beim ersten Umblättern wird deutlich, was mit Scroll-Edition gemeint ist: Die Artikel sind nicht im zeitungstypischen Seitenlayout angeordnet, d.h. durch ihre Position auf der Seite, die Größe der Überschriften und die Textlänge gewichtet, sondern stehen untereinander in einem breiten Textfeld, das mehr als zwei Drittel der Seitenfläche einnimmt, als unformatierte Fließtexte in einheitlicher Typografie präsentiert, ohne Absätze und Zwischentitel, allerdings mit vielen Bildern (in unterschiedlicher Qualität). Fast ist man versucht, nach der Maus zu tasten, um das Textfeld weiter hochzuscrollen… dazu muss man aber nach wie vor umblättern, wenn auch von unten nach oben.

Rechts neben dem Haupttextfeld sind seitlich zwei schmale Spalten angeordnet, die Navigationsleisten ähneln. Die eine der Spalten wird für Zusatzinformationen zu den nebenstehenden Artikeln und über deren Autoren genutzt, die andere für aus Blog-Beiträgen zusammengestellte Kurzmeldungen.
Ist das „gedrucktes Internet“? Was die Inhalte angeht, mag das zutreffen, nicht aber was den eigentlichen Charakter des Mediums betrifft, das man vielleicht in einigen optischen Merkmalen nachahmen kann – mehr aber auch nicht. Jedes Medium hat seine besonderen Stärken. Das Zusammenführen der beiden Welten, Internet und Zeitung, ist daher zwangsläufig ein Kompromiss. Trotzdem hat sich dieses Projekt gelohnt, denn es weckt bei den Nutzergruppen gegenseitiges Interesse, macht aber auch deutlich, was man an dem einen und an dem anderen Medium hat: Schnelle Informationen, Reaktionen und Meinungen ungefiltert von überallher und die Möglichkeit, sich selbst direkt einzubringen beim Internet. Recherchierte und verifizierte Nachrichten, Kommentare und Artikel, von Journalisten verfasst oder aufbereitet, gewichtet und auf Seiten zusammengestellt in der Zeitung. Ob so die Zeitung der Zukunft aussieht? Wahrscheinlich nicht.
Es ist weder sicher, dass Blogger sich in der gedruckten Zeitung einen festen Platz erobern (wollen), noch dass das Internet weiterhin ein solches Schlaraffenland für Nachrichten bleiben wird. Im Internet ist vieles möglich und vieles erlaubt, was für ein Druckprodukt tabu bleiben wird. Dagegen haben die Verlage die Möglichkeit, Print und Online nebeneinanderher zu betreiben und sinnvolle Synergien zu nutzen.
Vermutlich werden sich die verschiedenen Mediengattungen – bei deren Betrachtung auch Mobile und E-Reader nicht außer Acht gelassen werden dürfen – nicht aufeinander zu, sondern voneinander weg bewegen. Das Internet punktet mit Aktualität und Interaktivität. Die Zeitung hat andere Qualitäten, auf die sie setzen kann und sollte (z.B. ihre Vertrauenswürdigkeit und Kompetenz im Regionalen). Nicht das Mischmedium, sondern die Medienmischung, die gegenseitige Ergänzung bringt den Mehrwert.
Einen ausgiebigen Test wäre das innovative Format mit den vertikalen Doppelseiten wert, denn hiervon könnten Pendler und Reisende mit Bahn und Flugzeug profitieren, wenn sie die Printzeitung aufschlagen, ohne dem Sitznachbarn in die Quere zu kommen.
